Wieviel Welt darf in den Sprachunterricht?
Über Haltung, Kontroversen und die leise politische Dimension von Lehre
Es gibt eine scheinbar didaktische Frage, die in Wirklichkeit eine Haltungsfrage ist: Wieviel Welt gehört in den Sprachunterricht?
Wer Sprache lehrt, arbeitet mit Kommunikation – und landet damit unweigerlich bei dem, was Menschen beschäftigt: persönliches Erleben, gesellschaftliche Entwicklungen, Wertvorstellungen, Widersprüche. Die Vorstellung, man könne Sprachunterricht davon trennen, hält der Praxis selten stand. Sobald Austausch aus authentischem statt aus rein didaktischem Interesse entsteht, verschiebt sich der Fokus: Es geht nicht mehr nur um korrekte Sätze, sondern um Positionen, Ideen, Perspektiven.
Gerade im DaF-Unterricht zeigt sich dabei eine besondere Ausgangslage: Oft haben wir „die Welt in einem Raum“. Unterschiedliche kulturelle Prägungen, Erfahrungen und Perspektiven treffen aufeinander – eine Konstellation, die bereits an sich ein gelebter Aushandlungsraum ist. Sprache ist dabei nie neutral (oder, Bernard Dufeu* zitierend "Sprache ist nie unschuldig"), sondern immer auch Ausdruck von zwischenmenschlichen bzw. gesellschaftlichen Verhältnissen. Für mich ergibt sich daraus eine Konsequenz: Diese Dimension nicht auszublenden, sondern bewusst zu gestalten.
DaF-Lehrende als Kulturvermittler:innen – und PDL als Möglichkeitsraum
Als DaF-Lehrende sind wir nicht nur Sprachvermittler:innen, sondern immer auch Kulturvermittler:innen. Wir gestalten Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und in Beziehung treten. Gerade hier sehe ich ein großes Potenzial in dem Ansatz der Psychodramaturgie Linguistique (PDL) und in szenischen, gruppendynamischen Zugängen. Sie eröffnen Möglichkeiten, diese Vielfalt nicht nur zu thematisieren, sondern erfahrbar zu machen. Zum Beispiel in der Arbeit in Untergruppen: Studierende entwickeln gemeinsam kleine Szenen, Standbilder oder Dialoge zu einer Fragestellung oder zu einem Thema, das den Rahmen für die Aktivität vorgibt. In der anschließenden „Vorführung“ im Plenum entsteht ein gemeinsamer Reflexionsraum: Unterschiedliche Perspektiven werden sichtbar, ohne dass sie sofort bewertet oder „richtig“ eingeordnet werden müssen. Sprache wird hier zum Medium von Erfahrung und Ausdruck, nicht nur zur Übungseinheit. Ein weiteres wirkungsvolles Instrument ist die Soziometrie**: Durch räumliche Positionierung im Raum (z. B. entlang einer imaginären Linie zwischen zwei Polen) wird sichtbar, wie sich die Gruppe zu bestimmten Fragen verhält. Dadurch können z.B. gesellschaftspolitische Themen adressiert werden mit Fragen wie: Wie wohl fühle ich mich, meine Meinung offen zu äußern? Wie wichtig ist mir kulturelle Zugehörigkeit?
Diese Formen machen Unterschiede nicht nur besprechbar, sondern unmittelbar erfahrbar – und eröffnen Gesprächsanlässe, die je nach Sprachniveau der Studierende auf verschiedene Weise in der Fremdsprache gestaltet werden können (von der Aneinanderreihung einzelner Worte, die mit dem Thema assoziiert werden, hin zu komplexeren sprachlichen Äußerungen oder schriftlichen Texten). Auch biografische Zugänge lassen sich auf diese Weise integrieren. Eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Übung ist die Arbeit mit persönlichen Timelines: Die Teilnehmenden notieren für sie bedeutsame Jahreszahlen und bringen diese in eine räumliche Ordnung. In kurzen Interviews erzählen sie sich gegenseitig die Geschichten dahinter. Im Anschluss können einzelne Aspekte ins Plenum getragen werden. Was hier entsteht, ist mehr als ein Sprechanlass: Es ist ein Raum, in dem persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Kontexte und Sprache miteinander verwoben werden. Verbundenheit und Zugehörigkeit werden erlebbar, ebenso wie Differenz.
In Anlehnung an Jakob Levy Moreno lässt sich sagen: Wenn Menschen auf eine bestimmte Weise zusammenkommen, wird Veränderung möglich. Diese „bestimmte Weise“ ist kein Zufall. Sie ist gestaltbar. Im geschützten Raum des DaF-Unterrichts können Studierende nicht nur Sprache üben, sondern auch zentrale Kompetenzen entwickeln: aktives Zuhören, Perspektivwechsel, reflektierte Auseinandersetzung und Konfliktfähigkeit. Fähigkeiten, die mindestens genauso relevant sind wie grammatische Korrektheit.
Für mich stellt sich dabei zunehmend die Frage, inwiefern der PDL-Ansatz besonders gut zur zukünftigen Rolle von Sprachunterricht – insbesondere im DaF-Kontext – passt. Wenn wir Lernen als sozialen, interaktiven und gesellschaftlich eingebetteten Prozess verstehen, dann bieten solche Zugänge nicht nur eine Methode unter vielen, sondern möglicherweise eine Antwort auf veränderte Anforderungen an Bildung.
Diese Frage möchte ich weiterverfolgen und ich wünsche mir, dazu stärker in den Austausch zu treten: mit Kolleg:innen, die ähnliche Erfahrungen machen, die experimentieren, die Sprache nicht nur als System, sondern als sozialen Raum begreifen. Denn genau hier liegt eine der zentralen Aufgaben zukünftigen Sprachunterrichts: Nicht nur Sprache zu vermitteln – sondern Räume eröffnen, in denen Gesellschaft im Kleinen erfahrbar wird.
Wieviel Welt also? Die vielleicht passende Antwort ist: So viel, wie entsteht. Wer Sprache als Kommunikationsmittel ernst nimmt und Lernen als Prozess versteht, kann die Welt nicht draußen lassen. Und sollte es auch nicht versuchen. Die eigentliche Aufgabe liegt woanders: Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Stimmen hörbar werden. In denen nicht nur sprachliche, sondern auch soziale und demokratische Kompetenzen wachsen können. Sprachunterricht wird dann nachhaltig, wenn er mehr ermöglicht als richtige Sätze.
* Dr. Bernard Dufeu entwickelt und erprobt seit den 70er Jahren die Sprachpsychodramaturgie (PDL) für den Fremdsprachenunterricht
** Das Verfahren Soziometrie, so wie Psychodrama und Soziodrama, geht auf Jakob Levy Moreno zurück

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