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Spielen ist etwas Ernstes

Ich kenne keine andere Art,

mit großen Aufgaben zu verkehren,

als das Spiel

Friedrich Nietzsche

 

In den letzten Wochen hörte ich in zwei unterschiedlichen Seminarsituationen zwei Kommentare, die mich dazu gebracht haben, über das Spielen zu reflektieren. Und wie es oft so ist, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, traf ich wie zufällig auf verschiedene Artikel im Netz und in Büchern, die mich über das „Spiel“ von der Pädagogik zur Psychologie und zur Kunst führten und mich noch mehr in meiner Überzeugung bestätigten, dass Spielen auch im Erwachsenenalter eine unendlich große Ressource ist, die uns ermöglicht, neue Perspektiven zu eröffnen und das echte Leben zu „erproben“.

 

Warum darf lernen keinen Spaß machen?

Während die Wichtigkeit und der Stellenwert des Spiels für die Entwicklung im Kindesalter auch außerhalb der Kreise der Psychologen klar sind, sieht es mit der Akzeptanz des spielerischen Zugangs zu Aufgaben im Erwachsenenalter anders aus. Lernspiele, Planspiele, Rollenspiele oder Aktivierungen sind zwar in der Erwachsenenpädagogik etabliert und geschätzt, doch werden sie oft auf eine willkommene Abwechslung bzw. als „Gag für Zwischendurch“ reduziert. Ein kurzes Intermezzo, bevor man sich wieder der „wirklichen“ Aufgaben widmet. Eine tiefergehende Betrachtung des Spiels zeigt aber, welches Potential auch für Erwachsene in einem durchdachten spielerischen Umgang mit Aufgaben steckt. Die Einwände, die in manchen Seminarumgebungen oft zu hören sind in Bezug auf spielerische Herangehensweisen kenne ich aus meiner Erfahrung in der Führungskräfteentwicklung in einem mittelständischen Industrieunternehmen nur zu gut. „Müssen wir unseren Namen tanzen?“, „Können wir nicht gleich die Ergebnisse festhalten, statt in Untergruppen darüber zu reden?“, oder auch härtere Urteile, die von einem fehlenden Verständnis des Stellenwerts des spielerischen, kreativen Handelns zeugen, wie: „Ich habe keine Zeit dafür. Ich kann vor meinen Mitarbeitern nicht verantworten, dass ich drei Stunden hier mit Spielen verbringe!“.

Auch in meinen Sprachkursen müssen die erwachsenen Teilnehmenden erst an die Hand genommen werden, damit sie sich auf den ungeplanten, spontanen Ausdruck in einer imaginären Situation einlassen. In einer der anfangs erwähnten Seminarsituationen erwiderte eine Teilnehmerin auf mein genaues Hinterfragen der Gegebenheiten einer erfundenen Dialogsituation: „Ist es wichtig, das zu wissen?“. Ja, es ist wichtig, damit wir in der Situation etwas zu sagen haben, statt stumpf auswendig gelernte Sätze in der Fremdsprache zu wiederholen. Indem wir spielerisch Menschen und Geschichten erfinden, bringen wir uns selbst und das Leben in die Sprache, die wir lernen möchten. Ich zitiere oft in diesem Kontext einen Satz von Umberto Eco, der sinngemäß lautet: „Wer erzählen will, muss sich eine Welt erschaffen. Die Worte kommen dann fast von selbst“. Was für eine wunderbare Möglichkeit, die wir der Einbildungskraft verdanken und uns als Menschen von Tieren unterscheidet: Welten erschaffen, in denen wir uns ganzheitlich erfahren und im geschützten Rahmen Verhaltensweisen ausprobieren können, um sie dann zu reflektieren. Wenn wir uns auf das Spielerische einlassen, kommen Lernen und Erkenntnisse nebenbei dazu, während wir Spaß haben Wir scheinen aber in unserer Gesellschaft Spaß und Lernen, sowie Spaß und Arbeiten abgespalten zu haben, wie gegensätzliche Zustände. Dabei lernt ein Kind in seinen ersten Lebensjahren alles, was er kann, durch Spielen. Es ahmt seine Bezugspersonen nach, schlüpft in verschiedene Rollen und erfindet Geschichten. Es schafft Welten. Die Spielwelten haben Regeln, die das Kind verinnerlicht und respektiert oder Grenzen, die es überwindet. Wie eine Generalprobe für das „echte“ Leben. Dem Kind ist wohl die Trennung zwischen Spiel und Realität jederzeit klar, und doch kann es sich mit seinem ganzen Selbst auf das Spiel einlassen. Ich bin so gerührt von der Selbstverständlichkeit, mit der meine dreijährige Nichte mit einer wischenden Handbewegung vor ihrem Gesicht aus ihren Spielwelten aussteigt, indem sie sagt: „Wusssch! Ich bin wieder Diana!“. Als ich das zum ersten Mal sah, war ich gerade in der Oberstufe meiner Psychodrama Ausbildung und dachte, dass Diana mit ihrer kindlichen Intuition schon das ganze Wesen des Psychodramas von Moreno erfasst hat! Das psychodramatische Spiel eröffnet laut J.L. Moreno einen „Möglichkeitsraum“, die Surplus-Realität der Bühne. Im psychodramatischen Spiel werden innere Zustände, Konfliktsituationen oder Verhaltensmuster als Rollen, die von Personen aus der Gruppe oder symbolischen Gegenständen übernommen werden,  auf eine imaginäre Bühne gebracht und dargestellt.  In einem Artikel der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie  über die Verbindung zwischen Schillers Idee einer ästhetischen Bildung und Morenos Psychodrama, zitiert Ferdinand Buer in seiner Einleitung Morenos Bezeichnung des Spiels als „Prinzip der Selbstheilung und Gruppentherapie, als eine Form des ursprünglichen Erlebens“.

 

Lernen ist so viel mehr als Wissen

Spielerisches Lernen ist für Kinder eine Selbstverständlichkeit. Warum haben Erwachsene oft Schwierigkeiten, sich auf spielbasiertes Lernen einzulassen? Was erzeugt das Gefühl, dass Spaß und Weiterentwicklung nicht gleichzeitig sein können? Die Vermutung liegt nahe, dass uns diese Haltung von der Schule vermittelt wurde. Unserem Schulsystem liegt die Idee der Bildung als Wissen zugrunde. Um es mit Richard David Prechts Worte zu formulieren: „Ein konkretes Bescheidwissen über ausgewählte Dinge. (…) die mentale Vorratsdatenspeicherung kanonisierter Sachverhalte – eine Art innere Bibliothek mit Schnellzugriff“ . Ein Bildungsbegriff, der auf das 18. Jahrhundert zurückgeht und in den strikten Vorgaben von Lehrplänen festgehalten ist. Wer viel weiß, hat sich viel „Stoff“ angeeignet, hat hart gearbeitet und wird mit guten Noten belohnt. Bildung als „Haben“. Masse statt Klasse. In einem solchen Konzept gehören Spiel und Spaß in bestimmten begrenzten Rahmen als Erholung und Abwechslung und werden vom Lernen abgekoppelt. Denn Lernen muss für die Schule harte Arbeit sein, um einen festgelegten Standard zu erreichen. So überholt uns dieses Konzept von Bildung auch erscheinen mag und trotz einer Entwicklung in Richtung von Lernen als Befähigung, prägen diese Idee und unsere schulischen Erfahrungen auch im Erwachsenenalter unseren Umgang mit Lernen und unser Verhalten in Lernprozessen. Spaß ist etwas für die Freizeit, Lernen hat mit Müssen zu tun, auch wenn wir als Erwachsene oft selbst wählen, was wir lernen und welche Lernveranstaltungen wir besuchen. Aber um das Gefühl zu erlangen, etwas gelernt zu haben, muss sich das als „Arbeit“ anfühlen. So fragen auch die Teilnehmenden meiner Sprachkurse immer wieder nach „Grammatik“, obwohl wir in jeder Aktivität, in jedem Spiel, in jeder spontanen Äußerung immer auch Grammatik lernen, indem wir die Sprache einfach sprechen, üben, wiederholen und dadurch die Regeln verinnerlichen, noch bevor sie erklärt werden. Aber die Grammatik einer Sprache zu lernen, heißt für die meisten eine Regel in einem Buch zu lesen, zu verstehen, um sie dann anzuwenden. Über die Sprache sprechen wird dem Sprechen der Sprache, dem eigentlichen Ziel eines Sprachkurses, vorgezogen. Den Druck, der die spielerische Umgebung nimmt, indem das Lernen nebenbei passiert, wird zurückverlangt, denn wir sind es so gewohnt.

 

Sinn uns Sinnlichkeit sind im Spiel vereint

Die Auffassung von Lernen als Wissenserwerb (und die entsprechende Auffassung von Lehren als Wissensvermittlung) betrachtet Lernen als einen rein kognitiven Prozess und lässt das kreative Potential, das in jedem Menschen steckt, außer Acht. Die Neurowissenschaften belegen, dass Emotionen eine wesentliche Rolle in Lernprozessen spielen, und dass wir uns leichter an das erinnern, was wir emotional und handelnd erlebt haben. Ist das Spiel nicht genau die Umgebung, in der Rationalität und Gefühl, Reales, Mögliches und Unmögliches koexistieren können? Können wir nicht in der Spielumgebung alle Facetten der menschlichen Natur in einer ganzheitlichen Erfahrung vereinen? Seit einiger Zeit habe ich auf meiner Webseite ein Zitat von Schiller, dessen Ursprung mir bis vor ein paar Tagen nicht bekannt war. Aber, wie schon erwähnt, wenn man sich mit einem Thema auseinandersetzt, scheinen alle Gedanken, die zu dem Thema jemals formuliert oder niedergeschrieben wurden geradezu angezogen zu werden, um den Kreis der eigenen Gedanken zu schließen. Das Zitat von Schiller lautet: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ und stammt aus einer Sammlung von 27 Briefen mit dem Titel Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, die 1795 in der Zeitschrift Die Horen veröffentlicht wurden. Buer (2020) erklärt die in den Briefen 11-16 enthaltene Unterscheidung zwischen dem Formtrieb und dem Stofftrieb. Der erste Begriff steht für Formalität, Vernunft, Rationalität, aktiv-hervorbringend, während der Stofftrieb für Gefühl, Sinnlichkeit, Natur, Empfindsamkeit, Leben, wechselnder Zustand, passiv-empfangend steht. Der Mensch werde laut Schiller von diesen beiden Motivationsquellen bestimmt und durch den Formtrieb veranlasst, sein Leben vernünftig zu ordnen, während der Stofftrieb in ihm natürliche Gefühle und Leidenschaften freisetze und ihn in wechselnde Zustände versetze. Aus seinen Erwägungen heraus, möchte Schiller den Stofftrieb als korrektiv zu einer Lebensausrichtung rein nach der Vernunft (wie sie von der Aufklärung und Kant vertreten wurde) stärker betonen und in seine Bildungstheorie aufnehmen. Und hier kommen wir wieder zum Spiel: Im aktiven Spielen wirken diese beiden konträren und unvereinbare Motivationsquellen mit. Die Spielumgebung ist der Ort, wo Stofftrieb und Formtrieb miteinander und nebeneinander aktiv sind. Ein Freiraum der Möglichkeiten, indem leidenschaftliche Lebensimpulse sich durch den Stofftrieb entfalten und von dem Formtrieb eingeordnet werden. Das Spiel bringt etwas hervor, dass Sinn und Sinnlichkeit verbindet (Buer, 2020).

Ich finde, Schiller bringt mit diesen Überlegungen das Potential des Spiels genau auf den Punkt. Und er betont zugleich die Wichtigkeit des Gleichgewichts von Vernunft und Gefühl für die Bildung der Einzelnen sowie für die Gesellschaft und schließlich für das Glück des Menschen, das oberstes Ziel ist.

 

Spielen ist so viel mehr als Unterhaltung

Zurück auf die Erwachsenenbildung und auf das Spielerische, im Sinne von Gruppenspielen oder szenisch-kreativer Arbeit. Aus den vorangegangenen Ausführungen wird klar, dass das Spiel einen pädagogischen Wert hat, der weit über die Zerstreuung hinaus geht. Ich sehe co-kreative, spielerische Aktivitäten in meinen Seminaren als Teil eines Konzeptes und nicht als schnelle Abwechslung für zwischendurch. Die Themen und Inhalte selbst werden in den Rahmen des Spiels gebracht und kreativ bearbeitet. Dazu fällt mir der zweite Kommentar einer Teilnehmerin ein, der ursprünglich Impuls zu diesem Blogartikel war. In einer Reihe von Online-Seminaren mit dem Titel „Digitale Toolbox“ tauschten sich Trainer:innen, Dozent:innen und Supervisor:innen über die digitale Gestaltung von interaktiven Veranstaltungen aus. Im letzten Workshop ging es um das Thema „Warming-ups für gelungene Online-Begegnungen“ und nachdem verschiedene Aktivitäten ausprobiert und in ihrer Wirkung reflektiert wurden, erhielt ich von einer Teilnehmerin folgendes Feedback: „Ich werde nicht alle Aktivitäten anwenden können. Meine Klient:innen sind nicht so spielfreudig, sie kennen viele Spiele schon und sind gesättigt“. Über die Schwierigkeit, manche Menschen dazu zu bringen, sich auf das Spielerische einzulassen, am besten auch mit Freude, habe ich oben schon geschrieben. Die Aussage, sie würden alle Spiele schon kennen und gesättigt sein legt das Augenmerk auf eine nach meiner Meinung eingeschränkte Sicht auf die Funktion des Spiels in der Erwachsenenbildung. Diese Sicht teilen offensichtlich auch manche Autoren der vielen Bücher und Ratgeber, die in den letzten 2 Jahren vor allem für den Online-Unterricht erschienen sind, aber auch für Präsenzveranstaltungen unzählige „Rezepte“ für Spiele anbieten, die Workshops und Seminare lebendiger und abwechslungsreicher machen sollen. Eben etwas Nettes für die Zeit zwischen zwei Präsentationen, oder nach der Mittagspause, um die Teilnehmenden wieder zu aktivieren. Oder am Anfang einer Sitzung eine kurze, ungezwungene Phase der Leichtigkeit, um dann in die „richtige“ Arbeit einzusteigen.  Das Spiel ist aber vielmehr als das und sein Potential wird verschwendet, wenn es auf eine kleine Abwechslung reduziert wird, statt Teil des Lernprozesses zu werden. Wie schade, wenn alles, was in dem Möglichkeitsraum des Spieles frei entsteht,  zurückgelassen wird! Stattdessen kann man am Spiel anschließen und reflektierend darauf schauen, den Formtrieb bemühen, um das Entstandene zu ordnen und in die Realität zu integrieren, eben daraus lernen. Hier kommt dem Wort LERNEN seine volle Bedeutung zu. Das erfordert natürlich in der Konzeption und der Gestaltung einen umfassenderen Blick und mehr Anstrengung, um die Aktivitäten so auszuwählen, dass sie Wirkung entfalten und auf das Ziel des Seminars abgestimmt sind. Dabei spielen so viele Kriterien eine Rolle (Gruppendynamik, Menschentypen, äußere Umstände), dass es so gut wie nie möglich ist, im Voraus den Ablauf eines Seminars oder einer Unterrichtsstunde genau zu planen. Auch als Leitung muss man sich in Spontaneität üben, um aus dem Repertoire der eigenen Methoden jeweils die zur Situation passenden zu wählen. Auch für die Leitung gilt es, sich auf den Prozess einzulassen und sich davon leiten zu lassen. Es geht nicht darum, immer etwas Neues und Unterhaltsames zu bieten, sondern darum, die Teilnehmenden mit dem Sinn und Wirkung des Gestaltungsrahmens vertraut zu machen, mit ihnen den Weg zu gehen und zusammen jedes Mal von Neuem staunen, was in einer Gruppe entsteht und geschieht. Und in diesem Sinne braucht man nicht jedes Mal ein neues Spiel, denn das, was dabei herauskommt, ist immer etwas anderes und Neues.

 

LITERATUR

Buer, F. Spielen. Aber szenisch-kreativ!. Z Psychodrama Soziom 19, 299–312 (2020). https://doi.org/10.1007/s11620-020-00548-y  

Precht, R.D. (2015).  Anna, die Schule und der liebe Gott. München: Verlagsgruppe Random House GmbH (4. Auflage)

 

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